Hallo miteinander,
gestern hörten wir auf dem Heimweg von Bonn irgendwo im Weserbergland, es habe auf der vor uns liegenden Strecke nach Berlin nahe Burg einen Unfall gegeben. Die A2 sei auf eine Fahrspur eingeengt, ein Stau von 3 km habe sich gebildet. Nichts Besonderes also, wenn es denn dabei bleiben sollte.
Folgerichtig schaltete sich auch TMC mit dieser Meldung ein. Ob wir umfahren oder ignorieren wollten. Nach unserer Ortskenntnis waren wir für Umfahren. Es gibt dort gute Möglichkeiten für eine Umleitung, der zeitliche Verzug wäre vertretbar, und die Aussicht, für eine Weile die sich lang ziehende A2 zu verlassen, dafür die schöne Börde-Landschaft zu genießen, reizte uns.
Im DLF, den wir stumm geschaltet immer mitlaufen lassen, wurde die Meldung bis Hannover wiederholt. Dann nahm das Unfallgeschehen auf deutschen Straßen rasch zu, und DLF meldete schließlich nur noch Staus ab 9 km. Wir gingen auf den örtlichen NDR-Rundfunk, wo wir die Meldung wiederfanden.
Die Stimmung an Bord war gut, eine Tankrast in Braunschweig-Ost entspannte uns zusätzlich, die wenigen Regenschauer waren rasch abgewettert. Wir sahen uns nach diesmal vielleicht 6 Stunden Fahrt für die ganze Strecke sicher in Berlin, eingerechnet eine halbe Stunde für eine von Ursels bewährten Umleitungen, mit denen wir bisher meist gute Erfahrungen gemacht hatten.
Kurz hinter Magdeburg, es war nicht mehr weit bis zur Unfallstelle hinter Burg, meldete sich Ursel mit einer Neuberechnung der Route, diesmal wieder direkt bis Berlin, und im NDR erfuhren wir bald darauf, die Unfallstelle sei geräumt, wir hätten wieder freie Fahrt.
Navigon bekam einige Komplimente in unseren erleichterten Kommentaren, aber natürlich waren wir uns auch im Klaren darüber, dass wir die Umleitung auch trotz freier Autobahn hätten fahren müssen, wäre die Aufhebung der Störung nur Minuten später gekommen. Wir hatten halt Glück gehabt, dachten wir und ahnten nicht, was noch vor uns lag.
AS Burg-Zentrum zog vorüber, wo wir die A2 hätten verlassen müssen, AS Burg-Ost, die letzte Ausfahrt vor der geräumten Unfallstelle, notierten wir mit leisem Triumph, und dann etwa 16:20 näherten wir uns auf schnurgerader Strecke dem Ende eines Staus. Um 16:22 stoppten wir die Nahrungsversorgung unseres wackeren Ölbrenners im Bug, nichts ging mehr.
Es wurde still im Auto, und vor uns lag eine lange sanfte Auffahrt auf eine der eiszeitlichen Dünen. Oben konnten wir im Sonnendunst undeutlich mehrere gelbe Blinkllichter erkennen, vielleicht 1 ½ km entfernt vor uns. Um uns verließen die Leute ihre Autos und blickten ratlos die Anhöhe hinauf.
Wie konnte das sein? Hatten nicht TMC und der NDR gemeldet, die Unfallstelle sei geräumt? TMC meldete korrekt um 16:24, die Autobahn sei gesperrt. Die erste Meldung, die ja dann aufgehoben wurde, hatte noch von einer freien Fahrspur gesprochen
Um 16:31 schwebte ein Rettungshubschrauber ein und ging auf der Autobahn weit vor uns nieder. Im Stau wurden die ersten Bälle hervorgeholt, um Erwachsene und Kinder zu beschäftigen.
Um 16:35 bahnte sich eine Kolonne von Rettungsfahrzeugen einen Weg durch die Gasse. Man glaubt es nicht trotz Blaulicht und Martinshorn musste der führende Notarztwagen immer wieder anhalten, weil Autotüren nicht geschlossen waren oder Leute im Weg standen. Und wenn man mit ansah, wie pomadig manche Leute dem abhelfen kamen, geradezu empört, dass man sie mit so einer Lappalie belästigte dann fing man unweigerlich an, über eine solche Gesellschaft nachzudenken. Da kämpfen wenig vor uns Menschen um ihr Leben, und manche Zeitgenossen behinderten gedankenlos die Helfer.
Um 17:19 kehrte die Helferkolonne in normalem Tempo auf der Gegenspur zurück. Ohne Blaulicht oder Martinshorn. Schrecklich stumm rollten sie an uns vorüber. Nach unserem Verständnis bedeutete das nichts Gutes. Wir hatten das Gefühl, die Retter hatten nicht mehr helfen können.
Um 17:55 setzten sich die Fahrzeuge im Stau langsam wieder in Bewegung, 20 Minuten später hatte sich der Stau aufgelöst, und wir hatten wieder freie Fahrt auf der Strecke nach Berlin. Dazwischen lag ein Schlachtfeld, das wir passiert hatten.
Nach der ersten Räumung der Unfallstelle hatte es in der anfahrenden Kolonne nach unserer Zählung offenbar acht Auffahrunfälle gegeben, drei davon so schwer, dass wir die Autos kaum noch identifizieren konnten.
Wir wissen nun, dass die Zuverlässigkeit von TMC nicht nur von der Nachrichtengebung und ihrer insgesamt guten Aufbereitung durch Navigon abhängen kann. Manchmal wird das System auch von der Entwicklung des Unfallgeschehens überholt. Für uns ging es nur um Minuten, und wir wären am Unfallort vorbeigeleitet worden. Dann hätten wir nichts davon bemerkt, höchstens in den Nachrichten später eine Notiz darüber gefunden.
Gruß
artur