Ich kann keine Karte lesen.
Ich konnte das noch nie. Und ich werde das auch nicht lernen.
Kennt jemand zufällig Neustadt an der Donau? Nein? Ich auch nicht. Ich weis auch nicht, wo die Donau fließt. Ich weis nur, dass ich da morgen hin muss. Und danach nach Olching.
Ich habe es immer gehasst, die Arbeitswoche mit einem Termin j.w.d. (janz weit draußen, für Nichtberliner) zu beginnen.
Der Tag davor war mit intensivsten Studien von Landkarten, Atlanten, Invasionskarten des vorigen Jahrhunderts und der exzessiven Nutzung von Internet-Routenplanern verbunden, die mir (jeder nach seiner Facon) mehr oder weniger genaue Fahrt- und Zeitangaben machten. An Sonntagen ist das surfen zäh. Danke Telekom. Feine Sache dieses XXL. Gut für die Performance der Surfer.
Nichtsdestotrotz (denn ich bin ein vorsichtiger Mensch) druckte ich mir sämtliche Wegbeschreibungen aus und legte sie mir für den nächsten Morgen parat.
Die zugehörigen Anfahrtskizzen druckte ich natürlich auch aus. Je nach Bereitschaft des Anbieters der Daten und meinen völlig mangelhaften Voreinstellungen schwankte die Größe der Ausdrücke zwischen Briefmarke und Fototapete.
Im Laufe meines Arbeitslebens habe ich Papier im Rohstoffäquivalent eines kleinen Gallierwäldchens nur für den Ausdruck von Wegbeschreibungen verbraucht.
Noch heute stelle ich mir Asterix, traurig auf den durch meine Schuld übrig gebliebenen Baumstümpfen sitzend vor. Kein Vogel singt mehr, weit und breit kein Wildschwein. Obelix ist längst abgehauen und verdingt sich mit dem Verkauf von Billigsärgen an arme Witwen und Waisen.
Alles nur, weil ich keine Karten lesen kann. Es ist zum Heulen.
In den Nächten vor meinen Reisen wachte ich oft schweißgebadet auf. Kennt Ihr diesen Traum: Man ist wieder Schüler und kommt in die Schule zu den Abschlussprüfungen. Kein Mensch da. Nur der mürrische Hausmeister teilt einem mit, dass die Prüfungen vor drei Wochen waren.
Mein Traum entwickelte sich im Laufe der Zeit dahingehend, dass der mürrische Portier der Firma des Geschäftspartners, den ich eigentlich besuchen wollte, mir mitteilt, dass mein Gesprächspartner schon vor Jahren pensioniert wurde...
Mein Wochenende war, mit Verlaub, für den Arsch, wenn am Montag eine Dienstreise drohte.
Ich fuhr immer viel zu früh los und war auch immer viel zu früh am Ziel. Es gibt auch keinen einzigen Parkplatz an deutschen Autobahnen auf dem ich noch nicht gestanden habe und mich zu orientieren versuchte.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es grundsätzlich dort, wo man seinen Termin hat, keine netten Cafes Eisdielen oder ähnliches gibt. Immer gab es Einöden, verrammelte Läden und eine Szenerie, die fatal an High Noon erinnerte, nur ohne rollende Büsche. Insbesondere in Hessen fiel mir immer wieder auf, dass immer alle Läden grundsätzlich geschlossen sind. Selbst Mittags stand ich oft vor den geschlossenen Pforten von Gebäuden, die deutlich als Speisegaststätten gekennzeichnet waren. Grasen die Hessen?
Dieses Wochenende unterscheidet sich von vielen davor. Morgen ist alles anders.
Ich werde entspannt nach Neustadt a. d. Donau fahren. Vielleicht werde ich ein wenig länger schlafen.
Nach dem Termin, den ich selbstverständlich routiniert und erfolgreich abwickeln werde, folgt ein kurzer Blick in meine Lieblingsoverlays. Vielleicht ein Sushi im Japan-Corner Regensburg? Oder doch weiter nach München und ein Bierchen mit Tobias? Wer weis... Das ist mein Tag und ich fürchte keine Wege mehr.
Ihr denkt ich übertreibe? Ich versichere Euch, ich übertreibe nicht.
Wenn ihr morgen auf der Autobahn, irgendwo zwischen Köln und München einen weißen A4 mit einem entspannt grinsenden Menschen begegnet, winkt mir zu. Ich freue mich und winke bestimmt zurück.
Und wenn das Teil morgen nicht funktioniert????
Dann melde ich mich krank!
Erloeser