Bundestagswahl 2009


  • "Soziale Gerechtigkeit" ist eine Paraphrase, die in dem Maße an Beteutung verliert, wie Leistung als Kriterium der Bezahlung von Mitarbeitern ein Wettbewerbskriterium ist.
    Seit das Angebot von hoch qualifizierten Fachkräften am Arbeitsmarkt größer ist, als die Nachfrage, zahlen alle Diejenigen , die sich nicht auf einen Arbeitsvertrag verlassen können, // Aufzählung // (gewerkschaftlichen, haustarifvertraglichen, im öffentlichen Dienst befindlich, usw.) die Zeche.
    Alle, die nicht ins optimale Nachfrageraster des aktuellen Arbeitsmarktes passen, werden unmittelbar nach ganz unten durchgereicht, wo sich ein florierender Subarbeitsmarkt eingerichtet hat.
    Verursacht und in allen Belangen gefördert von Hartz IV.
    Unternehmen können sich dadurch in die Lage versetzen, vor allem Dienstleistungen zu Preisen anzubieten, die die Preise des "gewachsenen" Marktes dramatisch unterbieten.
    Folge ist: Die Kosten für das Unternehmen sinken signifikant.
    Spätfolgen: Das Unternehmen ist gefangen in der Spirale "Wir senken die Kosten", muß aber in der Konsequenz lernen, billig ist nicht unbedingt gut ... und viel wichtiger ... wir verlieren die Einflußnahme auf die Entwicklung!
    Fatales Ergebnis: Die Unternehmen stellen fest, das sie zwar viel Kosten eingespart haben, aber ihre unternehmerische Qualität "outgesourced" haben. Sie versuchen nun, auf reduzierten Kostenniveau, "Qualität" zurückzuholen, nur, das funktioniert nicht, in der bestehenden Struktur.
    Soziale Verlierer sind alle, solange Hartz IV ein nicht hinterfragter Selbstbedienungsladen für jeden Unternehmer ist, der unbeschäftigte Arbeitswillige mit großzügiger Subvestion beliebig verarschen darf.


    Franz --> "soziale Gerechtigkeit" ist ein philosophisches Diskussionsthema, aber leider sind z.Zt. "sozial" und "gerecht" für mich leider absolut exentielle Themen.


    Moin

  • Zitat

    Original von Franz Jaeger
    Was ist denn "soziale Gerechtigkeit"?


    Ich frage nur deshalb, weil mit diesem Schlagwort meist nur eine Bevölkerungsgruppe gemeint ist.


    Hallo


    Hmmm... kannst Du eine kritische Rückfrage verkraften? ;) Du äußerst Dich ganz am Anfang dieses Thread's erfreut über die neue Regierung und die Farbe des Post's lässt darauf schließen, dass Du dabei die Beteiligung der "Liberalen" an eben dieser meinst. Hier fragst Du nun nach der Bedeutung von "sozialer Gerechtigkeit". Da frage ich mich, ob das etwas mit der realpolitischen Einstellung genau dieser Partei zu tun hat? Auf die Fahnen schreibt sich diese Partei das Ganze als Schlagwort übrigens auch.


    Für mich ist "soziale Gerechtigkeit" erst einmal eine politische Denkrichtung die davon ausgeht, dass die Güter - im umfassenden Sinne - eines Volkes nach den ethischen Gesichtspunkten verteilt werden, die den Maßstäben dieses Volkes entspricht. Das Ganze will dann mit Leben gefüllt werden. So wäre es sozial gerecht, wenn z.B. Menschen unabhängig ihrer sozialen Herkunft die gleichen Chancen auf Bildung und berufliche Aufstiegschancen hätten. Gerade hier müssten die "sozial Schwachen" gestärkt werden. Leider geht unser Bildungssystem genau in die entgegengesetzte Richtung.


    Und "Ja"... soziale Gerechtigkeit schaut erst einmal auf die Rechte der insg. Schwächeren. Was aber nicht heißt, dass nicht auch Maßnahmen ergriffen werden können, dass dies eben nicht in einer Sackgasse endet bzw. schlicht und ergreifend ausgenutzt wird. In diesem Sinne können auch durchaus sozial Schwächere in die Pflicht genommen werden. Auch sie müssen in die Lage gebracht werden um effektiv am Gemeinwohl mitarbeiten zu können.


    In meinen Augen recht gute Stellungnahmen zur Frage der sozialen Gerechtigkeit findet man z.B. bei den Kirchen...


    Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit


    ...gut hier z.B. der Abscnitt 3.3/113.


    MfG

  • Mit dem Ergebnis der Wahlen bin ich überhaupt nicht zufrieden. Schwarz-gelb ist ein Fehlgriff. Auf der einen Seiten sagen die FDP sie wären gegen die Vorratsdatenspeicherung und auf der anderen Seite schicken sie Millionen sms und E-mails an nichtsahnende Wähler. Das ist eine bodenlose Frechheit.

  • Zitat

    Original von Fred566
    Mit dem Ergebnis der Wahlen bin ich überhaupt nicht zufrieden. Schwarz-gelb ist ein Fehlgriff. Auf der einen Seiten sagen die FDP sie wären gegen die Vorratsdatenspeicherung und auf der anderen Seite schicken sie Millionen sms und E-mails an nichtsahnende Wähler. Das ist eine bodenlose Frechheit.


    Aber nur, wenn Du auf irgendeiner Seite oder irgendeiner Veranstaltung (z.B. auch ein Gewinnspiel) Deine Daten preisgegeben hast und vergessen hast das Kleingedruckte (.... stimme der Weitergabe meiner Daten an andere Unternehmen etc. zu...) zu lesen und entsprechend das Kästchen zu aktivieren bzw. deaktivieren.


    cu Peter

  • @obk


    Nicht, das wir uns falsch verstehen. Ich bin für eine Solidargemeinschaft, in der jeder, nach seiner Leistungsfähigkeit, seinen Beitrag für die Gesellschaft leistet und in der denen geholfen wird, die sich nicht selbst helfen können. Diese Solidargemeinschaft ist aber im Moment weder gerecht noch effizient. Und zwar sowohl auf der Seite der Leistungsträger als auch auf der Seite der Leistungsempfänger.


    Ich halte es einfach für falsch, den Finger nur in Richtung Staat und der "bösen" Wirtschaft zu halten. Zumal da bei der "bösen" Wirtschaft auch jede Ich-AG eingeschlossen ist.


    Franz

  • Hallo @Franz Jaeger


    Jau... ist ja auch o.k.! Wobei "soziale Gerechtigkeit" in ihrem Grundansatz eben einen Schritt weiter geht. Wenn man es so einfach formulieren will: Wer sich nicht selber helfen kann muss in die Lage gebracht werden, sich selber helfen zu können und dadurch eine reale Chance haben durchschnittlich an den Gütern der Gesellschaft teil zu haben um dann auch am Gemeinwohl mitarbeiten zu können. Sonst verteilt der Staat am Ende nur Almosen.


    "Die Wirtschaft" ist auch nicht "böse"... nur zeigen die gestiegenen Unternehmensgewinne und die real gesunkenen Löhne, dass mit der Gerechtigkeit in unserem Wirtschaftssystem etwas nicht stimmt. Gleiches gilt für unser Bildungssytem, das eher die Starken fördert. Und genau an diesem Punkten haben CDU und FDP recht deutlich gemacht, dass es keinen Wechsel geben wird. Im Gegenteil: Es wird gleich z.B. der Kündigungsschutz in Frage gestellt. Und ich bin mir sicher, dass dies als erstes diejenigen mit "schwachen Anstellungsverträgen" betrifft.


    In diesem Sinne finde ich es bedenklich, dass die SPD all diese Themen vernachlässigt hat nur um regieren zu können. Genau dafür ist sie abgewatscht worden und hat es mit zu verantworten, dass die Sozialdemokratie gespalten ist wie nie zuvor und sich teilweise in linksextreme Positionen ergießt. Und ohne diese Sozialdemokratie fehlt mir in unserer politischen Landschaft ein Korrektiv. Da bringt es jetzt auch nur wenig, wenn Köpfe rollen.


    MfG

  • Zitat

    Original von obk
    ... nur zeigen die gestiegenen Unternehmensgewinne und die real gesunkenen Löhne, dass mit der Gerechtigkeit in unserem Wirtschaftssystem etwas nicht stimmt.


    Das hängt ja auch an den Gewerkschaften. Die haben dafür zu sorgen, das ein Teil der Ertragssteigerungen in der Gesellschaft ankommt. Zusätzlich wird der Reallohn auf der Grundlage des Nominallohnes berechnet und der hängt stark von der Abgabenlast ab. Das heisst also, steigen die Sozialabgaben, sinken auch die Reallöhne. Steigende Sozialabgaben haben aber auch die Unternehmen zu tragen.


    Andersrum heisst das zum Beispiel, das sinkende Sozialabgaben und sinkende Steuern den Reallohn steigen lassen. Das verringert aber die Einnahmen des Staates man hat weniger Mittel für den Sozialetat.


    Die Höhe des Reallohnes ist also nicht unbedingt ein Indikator für die soziale Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft. Eher ist er Teil der makroökonomischen Bedingungen in unserem Land und spiegelt auch den hohen Anteil an sozialen Leistungen, finanziert über die Sozialabgaben/Steuern, wieder.


    Franz

  • Zitat

    Original von Franz Jaeger
    Die Höhe des Reallohnes ist also nicht unbedingt ein Indikator für die soziale Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft.


    Hallo


    Im Verhältnis zu den Unternehmensgewinnen durchaus. Die eklatant klaffende Lücke ist hier eben jener "Indikator". Wie gesagt: Das Prinzip, auf das gerade die Liberalen setzen, scheint hier nicht mehr zu funktionieren. Das bedürfte gesetzlicher Regelungen; ohne diese sind auch die Gewerkschaften reichlich machtlos. Und stärker werden sie auch nicht dadurch, dass z.B. gleich der Kündigungsschutz hinterfragt wird. Zumal die Arbeitnehmer in den letzten Jahren schon in die schwächere Position gedrängt wurden.


    MfG

  • Im wesentlichen will die FDP das KschG auf Betriebe anwenden, die mind. 20 Arbeitnehmer (derzeit 10, es waren aber schon mal 20) haben. Die Änderungen würden also kleine, mittelständische Unternehmen betreffen.


    Zweitens soll das KschG erst ab 2 jähriger Betriebszugehörigkeit Anwendung finden (jetzt 6 Monate)


    Wenn der Kündigungsschutz im Sinne des KschG zum Einstellungshemmnis wird, dann ist er nichts mehr wert. Dann weichen die Unternehmen auf Leiharbeitsfirmen aus, um flexibel zu sein. (so wird es jetzt gemacht, sogar recht grossflächig auch in der Industrie) Ob das im Sinne des Erfinders ist?


    Wenn es einem Unternehmen gut geht, dann ist das KschG meist kein Problem, aber wehe, es läuft mal nicht so gut. Dann kann es schnell zum Fallstrick werden, das ein Unternehmen in die Insolvenz treibt. Die Kapitaldecke bei den kleinen Unternehmen ist meist recht dünn...


    Insofern ist der Ansatz der FDP nicht grundlegend falsch. Ob es nun 20 Mitarbeiter als Grenze sein müssen, kann und wird diskutiert werden. Es ist ja nicht so, das die FDP den Kündigungsschutz flächendeckend abschaffen will.


    Man sollte nicht vergessen, das der Mittelstand in Deutschland rund 99% aller Unternehmen stellt, rund 65% aller sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten hat, rund 83% aller Ausbildungsplätze stellt, aber nur 38% aller Umsätze erwirtschaft.


    Rund 10% arbeiten im öffentlichen Dienst, bleiben rund 25% aller Arbeitsplätze in der Industrie bzw. Großunternehmen. Und fast nur über die wird geredet oder sie sind gemeint, wenn über Unternehmensgewinne, Kündigungsschutz usw. gesprochen wird. Das ist eine der derzeitigen Schieflagen in unserer Gesellschaft.


    Franz

  • Hallo Franz,


    Zitat

    Original von Franz Jaeger


    Wenn der Kündigungsschutz im Sinne des KschG zum Einstellungshemmnis wird, dann ist er nichts mehr wert. Dann weichen die Unternehmen auf Leiharbeitsfirmen aus, um flexibel zu sein. (so wird es jetzt gemacht, sogar recht grossflächig auch in der Industrie) Ob das im Sinne des Erfinders ist?


    das stimmt so nicht so ganz. Selbstverständlich greift man vermehrt auf Leiharbeiter zurück, aber dies ist branchenabhängig. Ich arbeite für einen IT-Dienstleister, der 24 MA (incl. Azubi) beschäftigt, hier kommst Du mit Leiharbeiter nicht weiter. Mein Chef stellt MA nur noch mit Zeitvertrag 1-2 Jahre ein, damit er sich dann von diesen einfacher entledigen kann.
    Bei einem FDP-KSCH würde er willkürlich Leute entlassen. Ich weiß, dass nicht jeder Betrieb so reagiert, aber wenn es nach der FDP geht, hätten wir amerikanische Verhältnisse á la "hire and fire"!


    Zitat

    Wenn es einem Unternehmen gut geht, dann ist das KschG meist kein Problem, aber wehe, es läuft mal nicht so gut. Dann kann es schnell zum Fallstrick werden, das ein Unternehmen in die Insolvenz treibt. Die Kapitaldecke bei den kleinen Unternehmen ist meist recht dünn...


    Dann sind immer die Arbeitnehmer schuld und müssen als erstes sofort entlassen werden. ;)


    Zitat

    Insofern ist der Ansatz der FDP nicht grundlegend falsch. Ob es nun 20 Mitarbeiter als Grenze sein müssen, kann und wird diskutiert werden. Es ist ja nicht so, das die FDP den Kündigungsschutz flächendeckend abschaffen will.


    Ich halte die FDP für sehr gefährlich, ich befürchte, dass hier ein Kündigungsschutz flächendeckend abgeschafft wird. Solange CDU/FDP eine Mehrheit im Bundesrat haben, wird "Soziale Gerechtigkeit" mit schwarz/gelben Füssen getreten.




    Brian

  • Zitat

    Original von Franz Jaeger
    Wenn der Kündigungsschutz im Sinne des KschG zum Einstellungshemmnis wird, dann ist er nichts mehr wert. Dann weichen die Unternehmen auf Leiharbeitsfirmen aus, um flexibel zu sein. (so wird es jetzt gemacht, sogar recht grossflächig auch in der Industrie) Ob das im Sinne des Erfinders ist?


    Hallo


    Solange mit Leiharbeitsfirmen auch ein Lohndumping erreicht werden kann, wird ein geänderter Kündigungsschutz gar nichts an dieser Praxis erwirken. Das ist so ein Wunschdenken der FDP zu Gunsten von Arbeitgebern. Nur seltsam, dass CDU und vor allem FDP darüber nicht nachdenken wollen. Das ist wohl deren sozialen "Schieflage". Darüber hinaus geht es [mir] um die Rechte aller Arbeitnehmer.


    Und warum ein geänderter Kündigungsschutz helfen soll Insolvenzen zu verhindern, müsste erklärt werden. Betriebsbedingte Kündigungen zur Abwehr einer Insolvenz sind heute schon möglich.


    Die FDP bleibt ihrem Ruf als Arbeitgeberpartei treu... ich halte das - angesichts dessen, dass der Grundsatz auf den die FPD dabei baut flächendeckend nicht mehr funktioniert - für sozial ungerecht.


    Wie gesagt: Im Gunde geht es mir um mehr als nur eine oder zwei Legislaturperioden schwarz/gelb. Im Grunde könnte man das sogar gelassen sehen. Denn wenn das Ganze nicht zu einer spürbaren Verbesserung der Verhältnisse führt, werden auch CDU/FDP wieder abgewatscht [ich kann es also abwarten... :gap]. Allerdings halte ich den Verlust eines vernünftigen sozialdemokratischen Korrektivs für eine Tragödie. Verloren hat ohnehin "die Politik" als Ganzes...


    MfG

  • Zitat

    Original von judaeische_volksfront
    Dann sind immer die Arbeitnehmer schuld und müssen als erstes sofort entlassen werden. ;)


    Was hat das mit Schuld zu tun? ?( Ohne den Unternehmer und seinem Handeln gäbe es diesen Arbeitsplatz überhaupt nicht. Die Lohnkosten sind nun mal einer der grössten Posten und das adäquate Mittel um Überkapazitäten abzubauen. Genauso wie er Arbeitsplätze schafft, wenn es Unterkapazitäten gibt.


    Ob nun falsche Entscheidungen im Management, die Marktlage oder Konkurrenten dran schuld sind... Einer muss nun mal die Entscheidungen treffen, die guten, als auch die schlechten. Meist stellt sich erst hinterher heraus, ob ne unternehmerische Entscheidung gut oder schlecht war. In einem Unternehmen kann Geld nun mal nicht beschlossen werden. Es muss erwirtschaftet werden.


    Franz

  • Zitat

    Original von judaeische_volksfront
    Mein Chef stellt MA nur noch mit Zeitvertrag 1-2 Jahre ein, damit er sich dann von diesen einfacher entledigen kann


    Ist doch das beste Beispiel dafür, das das KschG ein Hemmnis für unbefristete Arbeitsverhältnisse ist. Es geht doch nicht darum, das er generell jemanden entlassen kann (weil es ihm Spass macht?), sondern darum, das er im Interesse des Unternehmens flexibel genug auf sich verändernde Marktbedingungen reagieren kann. In nem kleinen Betrieb kann man halt nicht viel umorganisieren bzw. ist die Fluktuation generell so klein, das man nicht "natürlich" schrumpfen kann. Also einfach ne weile keine Neueinstellungen machen...


    Franz

  • Zitat

    Original von Franz Jaeger
    Es geht doch nicht darum, das er generell jemanden entlassen kann (weil es ihm Spass macht?), sondern darum, das er im Interesse des Unternehmens flexibel genug auf sich verändernde Marktbedingungen reagieren kann.


    Hallo


    Die Beweggründe, die zu einer Entlassung führen, können dann eben ggf. nicht mehr nachvollzogen werden. Außer "sich verändernde Marktsituationen" sind da ja noch durchaus andere denkbar. Darunter genügend, vor denen ein Arbeitnehmer geschützt werden muss. Auch Arbeitgeber sind mal nicht nur "Gutmenschen". Das einseitig auszublenden halte ich für... unsozial. Die jetzigen Anstellungsregelungen sollten ausreichend sein um auf die Marktsituation reagieren zu können.


    MfG