Zwar schon älter, aber .....

  • Der 24. Dezember 1997 - Ein Tag, den ich nie mehr vergessen werde



    Vom Weihnachtsmarkt zogen leckere Duftschwaden herüber . Frisch gebrannte
    Mandeln vermischt mit knusprigen Bratwürsten , Glühwein und heißem
    Weihnachtspunsch. Ich stand auf der Leiter und steckte die silberfarbene
    Glockenspitze mit dem Engel auf unseren Tannenbaum. Eigentlich war es keine
    richtige Leiter. Denn auf das Blumentischchen hatte ich den Wohnzimmersessel
    gestellt. Darauf dann einen Küchenstuhl und , um die letzten Zentimeter zu
    überbrücken , noch unser Nachttischchen .
    Plötzlich kam alles ins Wackeln . Ein fürchterlicher Bums erschütterte das Haus . Ich traute meinen Augen nicht .
    Die halbe Mauer unseres Balkons war weggebrochen . Mit einer Hand hielt sich ein Mann an dem verbogenen Geländer noch mühsam fest , der Rest von ihm pendelte in luftiger Höhe fünfzehn Meter über dem Gehsteig . Ich stürzte raus auf den Balkon , stieß mir an den wild herumliegenden Blumentöpfen fürchterlich den Fuß , aber konnte im letzten Augenblick , bevor es den Mann in die Tiefe gerissen hätte , seine Hand schnappen und ihn ins Wohnzimmer ziehen . Sein roter Mantel war ganz schön
    zerfetzt , der weiße Bart angesengt . Aber er lebte.


    Geheimrezept für ein Weihnachtsbier


    Der Typ hatte sich ganz schön einen reingedüdelt . Torkelte in meinem Wohnzimmer
    rum , gab unanständige Geräusche von sich und erzählte wirres Zeugs . Die Rentiere wären irgendwie vom Kurs auf der Road ahead abgekommen, aber so genau sei ihm das auch nicht mehr klar , den Schlitten könne man nun wohl vergessen , und ob ich nicht einen ordentlichen Schnaps für ihn hätte . Ich holte meine Flasche Rum aus dem Wohnzimmerschrank und wollte ihm ein Gläschen einschenken .


    Aber im nächsten Augenblick bereute ich meine Hilfsbereitschaft . Der Bursche hatte sich gleich die ganze Flasche geschnappt und während ich noch überlegte , ob er es wirklich höchstpersönlich war , hatte er sich schon den Inhalt der ganzen Flasche eingefüllt . Nun ginge es ihm wieder etwas besser , teilte er mir strahlend mit und fragte , ob ich nicht 'was zu trinken hätte . Ich wollte etwas sagen , aber da hatte er schon meinen Weihnachtspunsch auf dem Wohnzimmertisch entdeckt . "Fürchterliches Zeug`s", befand er nach einem halben Liter , "Ist denn nix Vernünftiges im Haus?"
    Während mein Hirn fieberhaft arbeitete , um auf elegante Art und Weise den Typen wieder loszuwerden , hatte er sich an meinen Computer gesetzt . Auf dem Bildschirm erschien in Windeseile die Internet-Adresse
    "http://alpha.rollanet.org/cm3/recs/07_16.html", wo man ein Geheimrezept für ein
    richtiges Weihnachtsbier abrufen kann .
    Cats Meow... das Logo ließ schon vermuten , daß hier der Kater am nächsten
    Morgen fest zugesichert werden kann . Eine halbe Stunde später hatte er nach den
    Anweisungen ungefähr 150 Liter angesetzt - in meiner Badewanne . Ich mußte den
    Sud in alle verfügbaren Karaffen , Gläser und Tassen umfüllen , während er sich ("Bier und Eiscreme, das ist einfach das Nonplusultra" ) unter "ftp://gatekeeper-
    dec.com:/pub/recipes/xmas-icecream" die Instruktionen zur Massenproduktion von
    einigen Kilo Weihnachts-Eiscreme runterholte . Ich hätte eher den Weihnachts-
    Pudding , dessen Rezept bei "ftp://gatekeeper.dec.com/xmas-pudding" angeboten
    Wurde , favorisiert , konnte mich aber gegen den bärtigen , grunzenden und rülpsenden Typen nicht durchsetzen.


    Der Weihnachtsmann frißt Katzen


    "Meinen Sie nicht", stotterte ich, "daß jetzt vielleicht...". "Ja richtig", war seine
    Antwort , "'was ordentliches zu essen fehlt noch ." Und dann erklärte er mir seine
    Philosophie , daß ohne richtige Grundlage auch nix richtiges getrunken werden
    Könne . Zufällig entdeckte er "http://envirolink.org/arrs/the_vegetarian/xmas.html".
    "Igitt!", kommentierte er angewidert , " Das sind ja Vegetarier . Gibt's denn nirgendwo leckere Katzen zu essen?"
    Katzen?, schockte es mir durch den Kopf ? Katzen? So ein bißchen merkwürdig war
    mir der Bursche ja schon die ganze Zeit vorgekommen . Und mittlerweile ist ja vieles
    möglich , selbst die Politiker ändern schon unser Grundgesetz , nur um leichter an
    mehr Geld zu kommen , aber ein Weihnachtsmann , der Katzen ißt?
    "Hey", unterbrach er meine besorgten Gedanken , "das ist ja stark". Er hatte
    "http://www.ccnet.com/xmastree" entdeckt . Für nur 59 Dollar 95 konnte man dort
    noch schnell online einen Weihnachtsbaum bestellen.
    Er war ganz aus dem Häuschen.
    Denn bei "http://weyl.zib-berlin.de/HTMLs/Christmas.html" gab es sogar eine Online-Ausstellung geschmackloser Weihnachtsbilder . Aber ihm gefielen sie .
    Kein Wunder . Denn die fürchterlich schlecht gezeichneten Comics von Tim Kelleher ("http://www.uspan.com/u-laff/PoorlyDrawnComics6.html";)
    gefielen ihm auch ausgesprochen gut . Aber das war ja noch gar nix . Denn dann entdeckte er "http://www.law.indiana.edu/hyplan/will.html" und kam vor Begeisterung völlig aus dem Häuschen . Will Sadler , eigentlich ein vernünftiger Mensch , hat seine zwei Hunde nebst Katze weihnachtlich dekoriert. "Hunde gehen auch noch", kommentierte der Weihnachtsmann, "Aber Katzen schmecken einfach besser."
    Ich nahm all meinen Mut zusammen: "Sagen Sie mal . Sie sind doch nie im Leben
    der Weihnachtsmann . Der ißt doch keine Katzen..." Der Bursche blickte mich
    erstaunt an und riß sich durchschaut mit einem plötzlichen Ruck die Gummimaske
    vom Gesicht .
    Ich fiel vor Schreck fast um . Es war der außerirdische Alf ! Er erklärte
    mir , daß sich in diesem Augenblick weltweit 548.257 Außerirdische die
    Gummimaske vom Gesicht reißen . Alle Weihnachtsmänner in den Einkaufszonen ,
    Kaufhäusern und Schaufenstern dieser Welt würden jetzt endgültig die Herrschaft
    über unseren Planeten antreten .


    Bill Gates springt auf mein Sofa


    Das kann doch nicht sein , stotterte ich . Nun ja, wir hatten diese Erde ganz schön in
    die Knie gebracht mit unserem Ozonloch und dem Waldsterben . Aber deshalb
    müssen wir doch nicht alle als billige Arbeitssklaven irgendwelcher Außerirdischen
    unser Dasein fristen .
    Auch daß wir die Liebe , der eigentliche Kern der Weihnachtsbotschaft , nicht sonderlich pflegten , sondern mit Ellbogen und Füßen ohne Rücksicht auf Verluste unseren Weg durchs Leben treten , muß ja nicht dazu führen , daß man uns jetzt den ganzen Planeten wegnimmt .
    In mein Jammern riß er sich mit den Worten "Ich bin's. Der reichste Mann der Welt!" die Alf-Gummimaske vom Gesicht . Bill Gates sprang auf mein Sofa und schmetterte : "Historische Veränderungen stehen an! Und wir sind gekommen , damit sie nun alle Wirklichkeit werden . Freue dich."
    Meine Güte !
    Bill Gates bei mir im Wohnzimmer auf dem Sofa stehend. Ich war baff.
    In den ganzen Trubel klingelte es Sturm an meiner Wohnungstür . Der Präsident vom BKA stand draußen und hatte den Chef des örtlichen Rauschgiftdezernats mitgebracht: "Herr Müller , Sie scheinen auf einem sehr merkwürdigen Trip zu sein ." Ich beteuerte meine Unschuld , was die Beamten aber nicht davon abhielt , die Reste meiner Weihnachtsbowle und die paar Tropfen des Weihnachtsbieres aus der Badewanne in kleine mitgebrachte Plastiktütchen zu füllen . "Hören Sie", flüstere ich ihnen zu , während sie an der Weihnachts-Eiscreme kosteten , "Sie müssen was tun . Informieren Sie die Luftwaffe , den Bundeskanzler. Die ganze Welt wird in diesem Augenblick von Außerirdischen eingenommen ."
    "Ja, ja", beruhigten mich die Polizisten , "ist schon recht ." Und mit einem "Noch'n
    schönes Weihnachtsfest" an Bill Gates verschwanden Sie samt ihren prall gefüllten
    Plastiktüten .
    "Alles wird ganz toll", sagte Bill Gates und setzte sich wieder an meinen Computer .
    Nur noch mit Taschencomputern könnten wir demnächst leben . "Obwohl",
    unterbrach er sich selber , "Vielleicht wäre es noch besser , wenn wir allen gleich
    einen Bio-Chip einpflanzen würden ." Kinokarte? Theaterbesuch? Öffentliche Bedürfnisanstalten ? Briefmarken oder eine Fahrkarte für den Bus kaufen? Alles nur noch digital gesteuert . Aber nicht nur die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel , Bedürfnisanstalten , auch private Unterhaltungen und das Abrufen irgendwelcher Netzangebote - alles wird dokumentiert . Alles wird gespeichert .
    Unsere Autos würden kleine Sender bekommen . Und jederzeit könnte man kontrollieren , wo sich jemand aufhielt . Bill Gates redete sich in Euphorie . "Und das Beste daran", beruhigte er sich wieder etwas , " Das Beste ist , daß Microsoft für all den Kram die Software liefert." :gap
    Wenn er nicht "http://www.silcom.com/~paradise" entdeckt hätte, wäre er mit seiner
    Vision vom Microsoft-Land , in dem die Window`s-Sonne niemals untergeht , wohl nie zu Ende gekommen . So aber entfuhr ihm ein "Wahnsinn! Echt stark!", als er die Reizwäsche mit dem kleinen Schneemann entdeckte .


    Der Klon Nr. 1.243.412


    " Das stimmt doch alles nicht?", fragte ich besorgt in seine Begeisterung , während er
    überlegte , ob ihm ein solcher Schneemann-Slip stehen würde , "Sie sind nicht
    wirklich Bill Gates, nicht wahr?" "Nein ." Erleichtert atmete ich auf. "Ich bin Bill
    Gates... Moment...", und er krempelte seinen rechten Hemdsärmel ein wenig hoch ,
    "Ich bin Bill Gates Nummer 1.243.412", während er die in seinen Unterarm
    eingestanzte Seriennummer vorlas . In China war die Massenklonerei von Bill Gates
    auf vollen Touren . Und an jedem Computer würde demnächst ein Bill Gates sitzen
    und aufpassen , damit alles richtig liefe . Er fand das toll . Mir wurde irgendwie ganz doll übel.


    Ein Engel in dunklen Nachtwolken


    Hey, wach auf ! , rief meine Frau und tätschelte meine Wangen . Mein Kopf brummte fürchterlich. Ich war samt meiner gewagten Leiterkonstruktion , den Weihnachtsbaum mitreißend , umgefallen und war mit dem Kopf auf dem Fußboden aufgeschlagen . "Ich hatte mir schon richtig Sorgen gemacht. Ein Glück, daß du wieder bei Bewußtsein bist ."
    Verängstigt schaute ich mich um . "Ist Bill Gates noch da?", fragte ich meine Frau .
    Sie schaute wie Gates auf den Pinguin ."Wer? Also nun mach mal hin , damit der Baum endlich fertig geschmückt wird ."
    Es ging auf Mitternacht zu .
    Draußen war alles dunkel und ruhig .
    Irgendein Engel blinzelte freundlich aus den kalten Nachtwolken und sagte "Es wird alles gut". Ich hatte mich vor meinen Computer zurückgezogen und das WorldWideWinery ("http://www.intellectics.co.at/casadelvino" ) entdeckt . Über 400 verschiedene Weinsorten aus Amerika , Frankreich , Italien oder Südafrika für 20 bis 200 Dollar die Flasche . Muß ich mir merken , um meinen Weinkeller mal wieder etwas aufzufüllen . Dann stolperte ich über "Christmas around the World"
    ("http://christmas.com/christmas.html" ) , wo man nicht nur alle Weihnachtsbräuche
    dieser Welt kennenlernen kann , sondern auch noch lernt , wie man "Frohe
    Weihnachten" in 33 verschiedenen Sprachen sagen kann .


    Die eMail-Adresse vom Weihnachtsmann


    Irgendwie war mir der Schock noch nicht aus den Knochen . Ich wählte mich beim
    Weihnachtsmann am Nordpol unter "http://ottawa.net/santa.html" ein und schrieb
    ihm einen kleinen Brief (seine eMail-Adresse lautet "santa@northpole.net" ) .
    Er beruhigte mich jedoch kurzfristig und meinte , daß nix so heiß gegessen wie es gekocht wird .
    Kurz bevor ich müde ins Bett fiel , entdeckte ich "http://www.acm.uiuc.edu/rml/Sounds". Hier kann man sich verschiedene
    Weihnachtslieder als Tondatei anhören .
    Ich entschied mich für "Jingle Bells" - und fünfunddreißig Hunde bellten mir das Lied durch die Lautsprecher .
    Meine Güte .
    Aber immer noch besser als das , was ich am Nachmittag erlebt hatte .

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