Forenpsychologie in Zeiten des Updates - Teil 3

  • An den geneigten Leser


    Ich gebe zu, der letzte Teil dieser Kolumne hat sich etwas verzögert. Ich war durch die hier gemachten Erfahrungen anlässlich der Updates auf den Mobile Navigator 5, TomTom 5 und Destinator ein wenig verängstigt.


    Nachdem ich erfahren musste, wie hart selbst kleinste Unzulänglichkeiten durch die im Forum anwesende Öffentlichkeit abgestraft werden, habe ich mich entschlossen diesen Beitrag vor der Veröffentlichung einem ausführlichen Betatest zu unterziehen.


    Dieses Testprogramm beinhaltete im wesentlichen:


    - Laufweite des Schriftgrades
    - Lesbarkeit des Textes durch farbwahrnehmungsgestörte Leser
    - Resistenz der Kernaussagen unter Wasser
    - Kompatibilität des Schriftsatzes auf diversen Nadel- und Typenraddruckern
    - Speicherbedarf auf Apple- und Windowssystemen
    - Checken möglicher Diffamierung von Randgruppen (Frauen, religiöse Minderheiten etc.)
    - Ökotoxizität und Ökobilanz bei beabsichtigten oder unbeabsichtigten Freisetzen dieses Beitrages.


    (Bitte beachten Sie auch die Sicherheitshinweise am Ende des Beitrages)


    Sowohl die wissenschaftlichen Messergebnisse als auch die positiven Gutachten diverser Strafrechtler, Ethiker, Frauenverbände, Umweltgruppen sowie die der religiösen Führer der führenden Weltreligionen (einschließlich des einstimmigen Vorstandsbeschlusses des Weltverbandes der Nihilisten WdN) ermutigen mich, nunmehr diesen Beitrag zu veröffentlichen, ohne in Gefahr zu laufen, dass im Forum irgend eine Fahne verbrannt und "Nieder mit Amerika" gebrüllt wird.


    So erscheint der dritte Teil der Reihe Forenpsychologie in den Zeiten des Updates mit genau einem Jahr Verzögerung aber gerade rechtzeitig zur heißen Phase der Updatesaison 2006.


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    Erinnern wir uns


    In den vergangenen Teil 1 und Teil 2 haben wir gelernt, dass ein typisches Mitglied dieses Forums in Zeiten eines Updates nicht uneingeschränkt als zurechnungsfähig bezeichnet werden kann.


    Die mentalen Störungen, von denen ein großer Teil der Mitglieder dieses Forums bei Gerüchten um Updates seiner Navigationssoftware betroffen ist, spielen sich in mehreren Phasen ab, wobei wir die erste Phase, das Pre-Update-Syndrom (PUPS) bereits kennen gelernt haben. Diese Phase bezeichnet den Zeitraum von der ersten Forderung nach einem Update bis zur Veröffentlichung der Updatekonditionen und der Bestellmöglichkeiten auf der Hompage des Herstellers.


    Man sollte nun meinen, die Ablösung des Gerüchtes durch gesicherte Fakten würden dazu beitragen, das entstandene psychische Krankheitsbild zu mildern; dies ist jedoch nicht der Fall.


    Die entstehende Situation ist etwa vergleichbar mit der operativen Entfernung eines eher harmlosen Furunkels durch einen Arzt, der den Patienten im Rahmen der Behandlung mit einer Lungenentzündung ansteckt. Für Freunde kernigerer Vergleiche sei als Eselsbrücke angemerkt, dass schließlich die Beendigung des Vorspiels nicht (oder wenigstens nicht notwendigerweise) das Ende des zwischenmenschlichen körperlichen Verkehrs bedeutet.


    Das Pre-Update-Syndrom (PUPS) wird durch die Einräumung einer tatsächlichen Updatemöglichkeit durch den Akut-Updativen Anfall (AUA) abgelöst.


    Der Akut-Updative Anfall (AUA)


    Der akut-updative Anfall ist ein Massenphänomen welches grundsätzlich zwei mal pro Jahr auftritt:


    1. Der falsche AUA (Typ 104)


    Der AUA Typ 104 (auch als Schein-AUA bezeichnet) wird durch den Scherz eines humorigen Zeitgenossen ausgelöst, der pünktlich zum 01.04. eines jeden Jahres die Beitragsüberschrift Update verfügbar für einen Beitrag wählt, dessen Inhalt sich auf die Worte April, April beschränkt. Der Falsche AUA (Typ 104) fällt mitten in die noch laufende Periode des PUPS und ist nur ein kleines eigentlich nicht ernst zu nehmendes Phänomen.


    Glaubhaften Gerüchten zu Folge soll aber die Veröffentlichung dieser Form jährlicher Forumsaprilscherze in naher Zukunft strafrechtlich sanktioniert werden, da die Folgen einer mutwillig ausgelösten Massenhysterie die Solidargemeinschaft zu sehr belasten.



    2. Der AUA


    Der echte AUA setzt notwendigerweise eine echte Verlautbarung auf einer echten Seite eines echten Navigationssoftwarehersteller voraus.


    Symptome


    Diese Meldung wird zunächst mehrfach in verschiedenen Beiträgen wörtlich zitiert und erreicht dabei annähernd die Zitatquote bekannter Bibelstellen. Genau so oft wird die Meldung bezweifelt. Es entsteht ein sprachliches Phänomen:


    a) Das Phänomen des Extremkurzbeitrages


    Füllte das (mehrfache) Zitat der Meldung noch (jeweils) eine komplette Bildschirmseite, so sind die Antworten darauf eher knapp und äußern sich in extrem kurzen Floskeln wie:


    - Was? (alternativ Wsa?, Sa?w)
    - Wo? (alternativ ??)
    - Jaja
    - Seh nix
    - Link?



    b) Das Klick-Poing


    Das erste Symptom eines AUA-Befalls der Forumsmitglieder äußert sich in einem nervösen Zucken vorzugsweise des rechten Zeigefingers und einem leisen Klickgeräusch, das in der Regel vom am Computer angeschlossenen Lautsprecher via Internetbrowsergeräuschausgabe geechot wird (akustisch als Klick-Ploing wahrnehmbar).


    Es entsteht durch ein massenhaftes Anklicken des geposteten Links zur Herstellerseite der Navigationssoftware. Würde man die in dieser Sekunde auftretenden Klick-Ploings räumlich und akustisch addieren können, so ergäbe sich die Geräuschkulisse eines startenden Spaceshuttles und zwar unmittelbar im Hauptantrieb gemessen.


    c) Die erste Servergrätsche


    Es ist nur natürlich, dass dieser massenhafte Ansturm gieriger Updatewilliger auf das Internetangebot des Softwareherstellers das Phänomen der Servergrätsche auftritt.


    Die Servergrätsche also der vollständige Verlust der Erreichbarkeit einer Internetseite durch Massenansturm - wird normalerweise durch erklärtermaßen updateunwillige Mitglieder des Forums vermeldet. Die Zehntelsekunde, die sie benötigen um vor dem eigenen Klick-Ploing ihre Meinung zu ändern, also vom militant updateunwilligen zum latent updatewilligen zu mutieren, bringt sie zeitlich dermaßen ins Hintertreffen, dass sie wiederum als erste von einem Timeout also der offiziellen Verlautbarung der Servergrätsche betroffen sind. Wie beim Bobsport entscheiden auch beim Update Zehntelsekunden.


    d) Das monetäre Paradoxon


    Mit der Veröffentlichung der Rahmendaten des Updates wird auch der Preis veröffentlicht. Es zeigt sich hier, dass kein Preis vom Markt zu 100 % akzeptiert wird.


    In aller Regel sähe sich der Hersteller bei der Veröffentlichung verschiedener Preise (erläutert an Voll/Premiumeditionen) folgenden Szenarien gegenüber:


    0-Preis > 150


    Revolution, bewaffneter Aufstand, Bombendrohungen von 100 % der Forenmitglieder


    1-Preis > 100 und < 150


    unflätige 30 %, schmollende 30 %, aufständische 40 % an Forenmitgliedern


    2-Preis > 49 und < 100


    unflätige 20 %, schmollende 20 %, aufständische 20 %, gemäßigte 30 % an Forenmitgliedern


    3-Preis = 0


    gemäßigte 90 % an Forenmitgliedern. Der Rest fordert eine Zuzahlung und/oder Giveaways für vergangene Betatests (Nebensymptom: Stylus-Irritation, auf die aber nicht im einzelnen eingegangen wird).


    Es gilt hier für den Hersteller der Software herauszufinden welches der für ihn ungefährlichste (keinesfalls der vom Forum akzeptierte) Preis des Updates ist.


    Aus mikroökonomischen Gesichtspunkten heraus wird er den Preis wählen, bei dem der Prozentsatz der Aufständischen nicht größer ist als der der Gemäßigten, also einen Wert zwischen 1-Preis und 2-Preis für eine Vollversion/Premiumversion.


    Der Softwarehersteller kann dies in der beruhigenden Gewissheit tun, dass zwar kein Preis vom Forum akzeptiert, früher oder später schon aus Imagegründen im Forum heraus - aber jeder Preis gezahlt wird.


    Fassen wir zusammen


    Im wesentlichen beschreiben also


    a) Das Phänomen des Extremkurzbeitrages
    b) Das Klick-Ploing
    c) Die erste Servergrätsche
    d) Das monetäre Paradoxon


    Die Symptome des AUA. Der Akut-Updative Anfall endet sobald der Befallene seinen Bestellvorgang beginnen kann.


    Genau in diesem Moment wird der AUA durch den VLUP (Verschwörungstheorie im Laufenden Update-Prozess) abgelöst, mit dem wir uns im nächsten Beitrag beschäftigen werden.




    Erloeser



    Beipackzettel


    Umwelthinweise:


    - Dieser Beitrag ist auf einem chlorfrei gebleichten Hintergrund abgefasst.
    - Ausdrucke bitte nach dem Gebrauch dem Altpapierrecycling zuführen
    - Dieser Beitrag entstand ohne Tierversuche.
    - Dieser Beitrag ist frei von Kinderarbeit
    - Die Batterien der Funktastatur des Computers des Verfassers dieses Beitrages sind frei von Schwermetallen


    Rechtliches:


    - Die Weitergabe dieses Beitrages ohne ausdrückliche Genehmigung des Verfassers schmeichelt seiner Profilneurose
    - Ähnlichkeiten mit lebenden Personen/Firmen/Institutionen sind unvermeidbar (echt, ohne Scheiß)
    - Mein Anwalt ist größer und stärker als Ihr Anwalt


    Gefahrenhinweise:


    - Beiträge des Verfassers bitte grundsätzlich außerhalb der Reichweite von Kindern aufbewahren
    - Bitte essen und trinken sie nicht bei der Lektüre dieses Beitrages
    - Gelegentlich kann es beim Lesen dieses Beitrages zu Reizungen der Augen und/oder des Zwerchfells kommen
    - Beim Verschlucken des Beitrages viel Wasser trinken, Arzt konsultieren
    - Verschüttete Buchstaben mit Löschpapier aufnehmen und fachgerecht entsorgen/recyceln (Abfallschlüsselnummer 190204)


    Löschmittel: Wasser


    Investigatoren sind im Auditorium unerwünscht